Drehbuchautor:innen gehören auf die Bühne

Drehbuchautor:innen gehören auf die Bühne

Wenn ein Film startet, sieht man zuerst die Gesichter.

Schauspieler:innen auf dem roten Teppich. Regie im Interview. Bilder aus dem Film. Trailer, Szenen, Plakate, Premierenfotos.

Das ist verständlich. Film ist ein sichtbares Medium.

Aber bevor eine Figur einen Satz sagt, musste jemand diesen Satz schreiben.
Bevor eine Szene gespielt wird, musste jemand entscheiden, warum sie existiert.
Bevor ein Konflikt auf der Leinwand funktioniert, musste er auf dem Papier gebaut werden.

Drehbuchautor:innen arbeiten oft an dem Teil des Films, der später am wenigsten sichtbar ist: am Anfang.

Genau deshalb ist Sichtbarkeit wichtig.

Beim Festival des deutschen Films Ludwigshafen erhielt David Ungureit am 24. August 2025 den Ludwigshafener Drehbuchpreis. Im Anschluss wurde sein Werk „Berühmt sein für Anfänger“ als Uraufführung präsentiert.

Das ist mehr als eine schöne Preisnotiz.

Es ist ein guter Anlass, über eine einfache Frage nachzudenken:

Warum sprechen wir so oft über Filme, aber so selten über die Menschen, die sie geschrieben haben?

Der Film beginnt nicht erst beim Dreh


Natürlich ist Film Teamarbeit.

Regie, Produktion, Kamera, Schauspiel, Schnitt, Ton, Musik, Ausstattung und viele andere Gewerke formen das Werk weiter. Aber das Drehbuch ist oft der erste Ort, an dem eine Geschichte wirklich Gestalt annimmt.

Dort entstehen Figuren.
Dort entstehen Konflikte.
Dort entstehen Entscheidungen.
Dort wird ausprobiert, verworfen, verdichtet und neu gedacht.

Eine Idee ist noch kein Film.
Eine Figur ist noch keine Szene.
Ein Thema ist noch keine Handlung.
Ein guter Satz ist noch kein guter Dialog.

Drehbuchschreiben ist Handwerk. Und dieses Handwerk sollte sichtbarer werden.

Sichtbarkeit ist keine Eitelkeit

Wenn Autor:innen sichtbarer sein wollen, geht es nicht nur um Applaus.

Es geht darum, die Arbeit hinter Geschichten ernst zu nehmen.

Viele Stoffe entstehen über Monate oder Jahre. Fassungen werden geschrieben, Figuren geschärft, Szenen gestrichen, Dialoge neu gebaut, Strukturen verändert. Am Ende sieht man oft nur den fertigen Film - nicht den Weg dorthin.

Aber genau dieser Weg ist für andere Autor:innen wertvoll.

Wie wurde aus einer Idee ein Stoff?
Welche Fassung hat endlich funktioniert?
Welche Figur war lange unklar?
Welche Szene musste gestrichen werden, obwohl sie geliebt wurde?
Welche Entscheidung hat die Geschichte stärker gemacht?

Über solche Fragen sollte in einer Drehbuch-Community gesprochen werden.

Was wir als Community daraus machen können

drehbuch.community kann ein Ort sein, an dem Autorenschaft sichtbarer wird - nicht erst, wenn jemand einen Preis gewinnt, sondern schon während der Arbeit.

Nicht nur fertige Erfolge zählen.

Auch diese Zwischenstände sind wertvoll:

  • eine erste Idee
  • eine unsichere Logline
  • ein unfertiges Exposé
  • eine Szene, die noch nicht funktioniert
  • ein Dialog, der zu direkt klingt
  • eine Figur, die noch kein klares Ziel hat
  • ein Stoff, der sich noch nicht entscheiden will

Wenn nur perfekte Ergebnisse gezeigt werden, trauen sich viele nicht zu posten.

Wenn aber auch unfertige Arbeit ernst genommen wird, kann eine echte Werkstatt entstehen.

Feedback sollte Arbeit sichtbar machen

Gutes Feedback fragt nicht nur:

„Ist das gut?“

Gutes Feedback fragt:

  • Was versucht dieser Text?
  • Wo ist der stärkste Moment?
  • Welche Figur bleibt hängen?
  • Was verstehe ich noch nicht?
  • Welche Entscheidung könnte die Geschichte klarer machen?

So wird Feedback nicht zum Urteil, sondern zum Werkzeug.

Und genau darum geht es: nicht Autor:innen kleiner zu machen, sondern ihre Arbeit genauer zu sehen.

Autorenschaft bedeutet auch Verantwortung

Mehr Sichtbarkeit heißt nicht nur mehr Anerkennung. Es heißt auch mehr Verantwortung.

Wer Geschichten schreibt, entscheidet mit:

  • welche Figuren Tiefe bekommen
  • welche Perspektiven sichtbar werden
  • welche Konflikte erzählt werden
  • welche Erfahrungen fehlen
  • welche Klischees wiederholt oder gebrochen werden

Das bedeutet nicht, dass jede Geschichte eine Botschaft erklären muss.

Aber jede Geschichte trifft Entscheidungen.

Auch darüber sollten Drehbuchautor:innen miteinander sprechen - nicht als Kontrolle, sondern als Teil des Handwerks.

Community-Übung: Autor:innen sichtbar machen

Poste in den Kommentaren gern eine Drehbuchautorin oder einen Drehbuchautor, die oder der sichtbarer sein sollte.

Das kann eine bekannte Person sein.
Es kann aber auch jemand aus einer Filmhochschule, Schreibgruppe, Webserie, Kurzfilmproduktion oder kleinen Produktion sein.

Schreib dazu gern drei kurze Punkte:

  1. Name: Wer sollte sichtbarer sein?
  2. Werk: Welcher Film, welche Serie oder welches Projekt ist interessant?
  3. Warum: Was kann man vom Schreiben daran lernen?

Wenn du über dich selbst schreiben möchtest, ist das auch erlaubt.

Zum Beispiel:

„Ich arbeite gerade an einem Kurzfilm über ... und suche Feedback zur Hauptfigur.“

Oder:

„Ich habe ein Exposé fertig und würde gern wissen, ob der Konflikt klar genug ist.“

Kleine Schreibübung

Nimm eine Szene aus deinem aktuellen Projekt und beantworte diese fünf Fragen:

  1. Was will die Hauptfigur in dieser Szene?
  2. Was steht ihr konkret im Weg?
  3. Was verändert sich zwischen Anfang und Ende?
  4. Welcher Satz ist wirklich notwendig?
  5. Welche Information könnte man durch Handlung statt durch Dialog erzählen?

Danach streiche testweise ein Drittel des Dialogs.

Nicht, weil kurze Dialoge immer besser sind. Sondern weil du dadurch erkennst, welche Sätze wirklich tragen.

Frage an euch:

Welche Drehbuchautor:innen aus dem deutschsprachigen Raum sollten sichtbarer sein - und warum?

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Last edited:
Jonas Weber

Jonas Weber